Generalpostmeister Dr. Stephan (reches Bild) führte diese Erfindung auch in den deutschen Reichsverkehrsdienst ein. Die ersten Versuche wurden in Telegraphendienstgebäuden in Berlin, weitere von Ende Oktober 1877 an auch auf größere Entfernungen (zwischen Berlin und Schöneberg, Berlin und Potsdam etc.) angestellt, welche alle sehr günstige Erfolge auswiesen.
Worauf beruht nun die große Wirksamkeit des Telephons? Es wird erzählt, dass, als Generalpostmeister Stephan vor Kaiser Wilhelm Proben damit anstellte, dieser gesagt habe: „Wenn Sie das vor 500 Jahren gemacht hätten, würden Sie als Hexenmeister verbrannt worden sein.“
So wunderbar nun auch die durch dieses Instrument erreichten Erfolge erscheinen, so einfach ist doch das Telephoniren selbst. Man bedient sich dazu zweier Apparate. In den einen wird hineingesprochen, an dem andern gehorcht. An der Öffnung, in welche hineingesprochen wird, befindet sich ein Eisenblechscheibchen, das durch jeden auf dasselbe gerichteten Ton in Schwingung gerät. Diese Bewegung teilt sich einem im Apparate angebrachten Magnetstabe mit und von ihm aus einem Drahte, der den ersten Apparat mit dem zweiten verbindet. Legt man sein Ohr an den Empfangsapparat, so hört man jeden Ton des Sprechers, wenn auch gedämpft, so doch deutlich. Ja, das Instrument ist so empfindlich, daß es nicht nur in dasselbe gesprochene Worte, sondern auch in seiner Nähe geführte Gespräche wiedergibt, sobald nur der Schall das Eisenblechscheibchen trifft.
Es ist möglich, auf diese Weise Töne zu hören, welche aus einer viele Meilen weiten Entfernung ausgehen. Das Bell'sche Telephon übt bis auf 230 Kilometer seine Wirkung aus. Nach den bisherigen Erfahrungen hört man am besten, wenn der verbindende Draht keinen Störungen durch Wind etc. ausgesetzt, wenn er also z. B. in die Erde gelegt ist. Doch hofft man, dass es mit der Zeit möglich werden wird, auch die Schwierigkeiten zu überwinden, welche der Benützung überirdischer Leitungen zur Zeit noch hindernd im Wege stehen.
Um die von dem Ausgangsapparat aufgenommenen Töne genau zu hören, muss man sein Ohr an den Empfangsapparat legen; sie machen sich also nicht wie beim Telegraphiren durch ein besonderes Geräusch bemerkbar. Doch hofft man hierin die Benützung dadurch bequemer zu gestalten, dass man vermittelst des den Draht in Schwingung versetzenden Stromes auch noch ein Läutewerk in Gang setzt, welches die Ankunft von Tönen angibt.
Ein Dresdener Professor hat an einem Apparat 2 Stimmgabeln angebracht, die mit den Magnetstäben in Berührung stehen. Wird die eine (am Ausgangsapparat) vermittelst eines Violinbogens gestrichen, so tönt die andere (am Bestimmungsorte) und macht dadurch auf eine beabsichtigte telephonische Unterhaltung aufmerksam.
Überhaupt sind der Verbesserungen viele, welche für dieses Instrument in Aussicht gestellt sind, so hat z. B. ein Franzose ein Telephon angefertigt, vermittelst dessen der Ton des Sprechenden verstärkt wird, so dass der Schall an dem Orte der Ankunft kräftiger ist als an dem des Ausgangs; auch soll bewirkt werden, dass das, was Jemand in einen Apparat hineinredet, an mehreren Orten zugleich gehört werden kann.
Schon jetzt läßt sich diese Erfindung für große Geschäftslokale, Fabriken, Gasthäuser, Eisenbahnen u. a. m. verwenden und ersetzt vielfach die Telegraphie. Je mehr sie vervollkommnet wird, um so ausgedehnter wird ihre Benützung werden.
Wie lässt sich das griechische Wort „Telephon“ wohl am besten im Deutschen wiedergeben? Ein Gelehrter schlug vor, man solle telephoniren mit „sprachdrahten“ übersetzen, also z. B. statt „telephonire zurück“ sagen: „sprachdrahte zurück“, das Amt solle man „Sprachdrahtungs-Amt“, einen damit Beauftragten einen „Sprachdrahtungsbeamten“ nennen. Aber das klingt viel zu hart. Weit geeigneter erscheint es, das Instrument „Fernsprecher“ zu heißen und darnach Zusammensetzungen zu bilden wie Fernsprechamt, Fernsprechbeamter u. dergl.
Quelle: gemeinfrei, Schutzfrist abgelaufen
Volksblatt. Eine Wochenzeitschrift mit Bildern. Jahrgang 1878