
Das Leitungsnetz des rheinisch-westfälischen Industriegebiets war vor der Umstellung so aufgebaut, dass jeder Ort mit jedem ändern durch unmittelbare Leitungsbündel verbunden war. Hieraus ergab sich die in Abbild dargestellte Netzspinne mit den zahlreichen Verbindungsleitungsbündeln.
Diese einzelnen Bündel sind naturgemäß dem Spitzenverkehr angepasst und somit namentlich zwischen den Orten mit geringem Verkehr schlecht ausgenutzt.
Die Einführung des Selbstanschlussbetriebes gestattete, diese Verhältnisse grundsätzlich umzugestalten, indem an den wichtigen Verkehrsmittelpunkten Netzknotenpunkte geschaffen wurden, die von den Seitenämtern unmittelbar angesteuert werden. Dadurch wird es möglich, alle die kleinen Leitungsbündel zu beseitigen und die Knotenpunkte durch entsprechend stärkere Leitungsbündel miteinander zu verbinden, die eine wesentlich günstigere Ausnutzmöglichkeit bieten.
Augenblicklich ist die Umstellung für die abgehende Richtung des Verkehrs schon durchgeführt. Für die ankommende ist sie bei den vor einigen Monaten voll zum Selbstanschlussbetrieb umgestellten Knotenämtern Essen und Hagen fertig gestellt, die übrigen Knotenämter werden bei ihrer Umstellung folgen.
Der Gang einer Verbindung von einem Seitenamt mit einem Teilnehmer eines fernen Knotenamts oder eines ihm zugeordneten Seitenamts ist folgender: Der Selbstanschlussteilnehmer des Seitenamts stellt an seiner Nummernscheibe die Zahl 9 ein. Hierdurch wird er selbsttätig mit einer Abfragebeamtin seines Schnellverkehrsamts verbunden. Der sich meldenden Beamtin teilt er sein Anschlussamt, seine Anschlussnummer und das gewünschte Amt mit Nummer mit, wie es im Fernverkehr zur Gebührenkontrolle erforderlich ist.
Die Schnellverkehrsbeamtin verbindet ihn dann mit einer abgehenden Leitung nach dem fernen Knotenamt. Dort meldet sich eine Beamtin, die selbsttätig an die Verbindungsleitung, in der der Ruf eingeht, angeschaltet wird. Der anmeldende Teilnehmer nennt nochmals die Nummer usw. des verlangten Teilnehmers und wird über Wähler mit diesem verbunden.
Während bei der bisherigen Betriebsweise alle aus dem ganzen Bezirksnetz ankommenden Verbindungsleitungen auf einzelne Arbeitsplätze verteilt werden mussten, enden diese Leitungen nach der Umstellung auf den Selbstanschlussbetrieb in Wählern, denen besondere Platzwähler zugeteilt sind. Diese Platzwähler suchen selbsttätig eine jeweils freie Beamtin aus, die nur so lange angeschaltet bleibt, als zum Drücken der an ihrem Arbeitsplatz angebrachten Einstelltasten und für den Einstellvorgang erforderlich ist. Dann wird der Tastensatz selbsttätig für die Entgegennahme weiterer Verbindungen frei.
Die Arbeit an den Zahlengeberplätzen ist somit außerordentlich einfach. Vor allen Dingen kann die Platzbesetzung jederzeit dem Verkehrsbedürfnis angepasst werden, ohne dass sich die Tätigkeit der Beamtin irgendwie ändert. Nachts laufen z. B. die aus dem ganzen Industriegebiet bei einem Knotenamt ankommenden Anrufe selbsttätig an einem einzigen Arbeitsplatz ein, ohne dass irgendwelche Umschaltungen der Leitungen usw. vorzunehmen sind.
Auch der Bau der Fernämter ist durch die Wählertechnik bestimmend beeinflusst worden. Ein Beispiel hierfür ist das Fernamt Mannheim, bei dem die einzelnen Arbeitsplätze die Teilnehmer, die Vorschaltplätze und die übrigen Fernleitungen für den Durchgangverkehr über Wähler erreichen können. Die Arbeitsplätze haben daher keine Stöpsel und Klinken, sondern lediglich Nummernscheiben neben den Sprechschlüsseln und Kupplungstasten, um die verschiedenartigen Verbindungen ausführen zu können.
Bei der Telegraphie auf Leitung vollzieht sich zurzeit eine Umstellung in Bezug auf die Verwendung der Telegraphengeräte und deren Weiterentwicklung. Für die Beförderung von Telegrammen auf kürzere Entfernungen, etwa bis 100 km, und bei schwächerem Verkehr gewinnt der Fernsprecher größere Bedeutung und ersetzt den schwerfälligen Morseapparat.
Für mittleren Verkehr ist ein Apparat mit Schreibmaschinentastatur und Typen-Druckempfang sehr beachtenswert, von dem eine Ausführungsform zurzei erfolgreich erprobt wird. Für den großen Verkehr wird der bekannte Siemens-Schnelltelegraph benutzt, wenn erforderlich mit Mehrfachausnutzung der Leistungen durch Tonfrequenz.
Die Arbeiten, die Fernkabel mehr wie bisher für Telegraphenzwecke mit zu benutzen, sind in vollem Gange. Diese Arbeiten sind deshalb für Deutschland von besonderer Bedeutung, weil sich hier ein Weg bietet, auch die Telegraphenleitungen mehr wie bisher Einflüssen der Luft zu entziehen und den Betrieb durch Fortfall der besonderen Leitungen wirtschaftlicher zu gestalten. Mit gutem Erfolg sind auch Wege erprobt und durchgeführt worden, die Laufzeit der Telegramme innerhalb der Ämter abzukürzen. Zu diesem Zweck sind die Mittel der neuzeitlichen Fördertechnik, wie Rohrpost, Bandpost, Seilpost, ihrer Eigenart entsprechend in den Dienst der Sache gestellt worden.
Auf dem funktelegraphischen Gebiet sind die Bildfunkversuche nach dem Verfahren Telefunken-Karolus-Siemens auf den Strecken Nauen - Rio de Janeiro und Nauen - Rom zu einem gewissen Abschluss gebracht worden und haben die technisch-praktische Brauchbarkeit des eingeschlagenen Weges ergeben.
Quelle: VDI Zeitschrift Bd. 71, vom 28.5.1927 , S 743 -746
|